• Ingmar Ostermaier

Sind es immer Würmer?

Ein Pferd kann - je nach Fütterung und Haltung - bis zu 50kg Kot pro Tag absetzen, was in erster Linie nach jeder Menge Arbeit beim Misten klingt. Was Viele jedoch nicht wissen ist, dass jedes Pferd uns pro Tag damit kiloweise die Möglichkeit „unter die Nase reibt“, den Gesundheitszustand des Tieres zu checken. Durch den Kot? Wie soll das gehen?


Natürlich - zunächst denkt man hier an die bekannten Würmer, denn dies ist ja immerhin der wohl gängigste Aspekt, auf den man als Pferdebesitzer / Reiter achtet, wenn es um den Kot des Tieres geht. Im Darm des Pferdes können sich eine Vielzahl von Würmern ansiedeln und vermehren und wenn man einmal einen Haufen gesehen hat, in dem sich scharenweise rote Strongyliden winden, ist es nur zu verständlich, dass ein Tier mit einem derart hohen Parasitenbefall auch mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen hat.


Kotwasser, Juckreiz, Fellverlust, Abmagerung, Antriebslosigkeit u.v.m. sind Symptome, bei denen jeder Reiter zunächst erst einmal - meist auch auf Anraten des Tierarztes oder Tierheilpraktikers - an eine starke Verwurmung denkt. In der Hoffnung, die Probleme des Tieres würden sich durch wahre Knäuel ausgeschiedener, sich windender Würmer verschiedener Farbe und Größe erklären lassen und sich danach auch quasi von selbst lösen, wird eine „Wurmkur“ (interessanter Begriff, denn tatsächlich ist es für den Wurm selbst alles andere als eine „Kur“) durchgeführt und man ist meist nach einigen Tagen und in den folgenden Wochen vom Ergebnis und der Entwicklung der Probleme enttäuscht.

Sie -die Probleme- bestehen weiterhin.


Aus der Erfahrung heraus kann ich sagen: Würmer sind in einer verantwortungsvollen Pferdehaltung eher selten der Auslöser für die genannten Beschwerden, wenngleich sie natürlich auch unter Umständen eine Rolle spielen können (ich komme später im Text noch einmal auf dieses Thema zurück). Wäre es jedoch immer der Fall, dürfte es Probleme wie jahrelang anhaltendes Kotwasser nicht geben, denn Dank mehrerer Entwurmungen jährlich, müssten sich eigentlich die meisten Pferde bester Gesundheit erfreuen. Das tun sie jedoch nicht.

Leider.


Es muss also weitere Faktoren geben, die den Darm und somit die Gesundheit unserer Pferde beeinflussen, von denen ich drei hier vorstellen will:


Pathogene -krankmachende- Keime

Diese Keime haben nichts mit mangelnder Stallhygiene zu tun sondern sind schlicht und einfach „vorhanden“: im Wasser, auf der Weide, natürlich auch im Stall usw. Als sogenannte „Umweltkeime“ werden sie aufgenommen und gelangen in den Darm, wo sie sich -sofern die Bedingungen passen- vermehren, die natürliche Darmflora verdrängen und somit natürlich den Darm in seiner Verdauungstätigkeit einschränken. Mögliche Folgen sind hier zB. Abmagerung und Kotwasser, letzteres oft aufgrund des veränderten pH-Werts im Dickdarm.


Laborbefund einer deutlich geschädigten Darmflora mit Ansiedlung pathogener Keime


Partikelgröße

Hierunter versteht man die abgeschluckten Futterpartikel. Nach dem Kauvorgang im Maul sollten sich diese (Heu-)Partikel eigentlich in einem bestimmten Größenbereich befinden, um dem Darm eine optimale Möglichkeit zu bieten, das aufgenommene Futter bestmöglich zu verdauen bzw zu verarbeiten. Man spricht hier davon, dass die Futterpartikel, die größer sind als 10mm, einen prozentualen Anteil von 30% im Gesamtkot nicht überschreiten sollten. Tun sie das dennoch, kommt es im Darm häufig zu sogenannten Fehlgärungen, die sich ebenfalls negativ auf die natürliche Darmflora und das gesamte Darmmilieu (pH-Wert) auswirken. Auch hier sind die Folgen oft Kotwasser, Koliken und Abmagerung. Zudem wirken diese Pferde sehr oft auffallend aufgebläht, sind an Flanke und Bauch berührungsempfindlich und/oder haben Probleme bei Gangwechseln und mit dem Untertreten.



Deutlich zu hohe Partikelgröße mit 35% Partikelanteil größer als 10mm

Fütterung

Oft meint man es mit dem Pferd tatsächlich zu gut, was die Fütterung betrifft und füttert dem Pferd im wahrsten Sinne die verschiedensten Krankheiten „an“. Zu viel Kraftfutter, zu saures Futter, hier ein Pülverchen, dort ein Kräutermix, im Sommer dann ein „Eis“ (in Wasser eingefrorene Früchte und Obst) und und und ... all das beansprucht das empfindliche Verdauungssystem eines Pferdes auf‘s Äusserste und führt ebenfalls oft dazu, dass eine optimale Verwertung des aufgenommenen Futters gar nicht mehr möglich ist. Selbiges gilt übrigens für zu lange Fresspausen: diese wirken sich negativ auf das Darmmilieu aus, das System übersäuert, die natürliche Darmflora wird geschädigt usw. usw. .. Dies waren jetzt nur DREI der zahlreichen Möglichkeiten, die als Ursache für Symptome wie Kotwasser, Abmagerung etc. in Betracht gezogen werden müssen. Alle Ursachen -auch die nicht genannten- haben jedoch folgende Punkte gemeinsam:

  • sie lassen sich nicht über eine Blutuntersuchung nachweisen

  • eine reine Untersuchung des Kots auf Würmer ist nicht hilfreich

  • die Fütterung von Präparaten, Pülverchen und Wundermitteln „auf Verdacht“ und „auf gut Glück“ ist hier absolut hoffnungslos und kann zu keiner tatsächlichen Besserung führen. Da viele Präparate Kotwasser „binden“ (so lange sie verabreicht werden!), kann man hier allenfalls von kosmetischen Aspekten sprechen.


Sinn macht es allerdings, den Kot im Labor ausführlich untersuchen zu lassen. Mit Hilfe eines sogenannten Kotscreenings, oft auch Darmflora-Screening genannt, erhält man einen umfassenden Überblick über den Zustand des Kots, der wiederum eindeutige Rückschlüsse auf den Zustand des Darms zulässt. Untersucht werden kann mittels dieser Methode zB die Partikelgröße, die physiologische/natürliche Darmflora, das Vorhandensein krankmachender Keime, der Sandgehalt, der pH-Wert, verschiedene Toxine und natürlich auch eine eventuelle parasitologische Belastung.


All diese Werte lassen i.d.R. in Verbindung mit einer eingehenden Anamnese die Erstellung eines gezielten Therapieplans mit passenden Präparaten zu und nicht nur das:


sie können sogar frühzeitig dabei unterstützen, ein Pferd gesund zu erhalten und Krankheiten zu verhindern! Erklärbar ist dies mit den Vorgängen in der Entstehung der meisten sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ der Pferde, die Eines gemeinsam haben: verfolgt man die Entstehungsvorgänge zurück, gelangt man als „Ausgangspunkt“ immer zu einer Darmproblematik, einer gestörten Darmflora, einer entzündlichen Darmschleimwand usw.! Somit ist eine Kotuntersuchung auch als Vorsorgemaßnahme ausgesprochen wertvoll, denn durch die Möglichkeit, auffällige Entwicklungen rechtzeitig zu regulieren, kann man Folgeerkrankungen eines entglittenen Darmes rechtzeitig „entschärfen“.


Krankheiten mit einer direkten Verbindung zum Darm sind zB Hufrehe (in bestimmten Fällen), Pseudo-Cushing (was aufgrund der identischen Symptome oft mit dem tatsächlichen Cushing verwechselt und entsprechend therapiert wird), Sommer-Ekzem, COB, EMS u.v.m.


Im folgenden Video wird anhand verschiedener Grafiken erklärt, warum es oft wenig bzw keinen Sinn macht, symptomatisch zu behandeln (und diverse Mittel, die empfohlen wurden, "auszuprobieren"), wenn man den Faktor "Darm" nicht miteinbezieht. Solange sich der Darm nicht im Gleichgewicht befindet, wird es bei vielen Erkrankungen immer wieder zu Rückfällen kommen, sobald man die symptomatische Behandlung abschliesst.

(Achtung: Kontaktdaten am Ende des Videos nicht mehr aktuell!)


Es lohnt sich also tatsächlich, über die Möglichkeit der Kotuntersuchung als diagnostische oder vorsorgliche Maßnahme nachzudenken!

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