• Ingmar Ostermaier

Ganzheitlich

... oder: warum

man bei einem Hautpilz am Kopf durchaus mal den Kot kontrollieren kann!


"Woodstock kratzt sich permanent". Das zumindest ist die Aussage der Besitzerin von Woodstock bei ihrem Anruf bei mir. "Und ausserdem verliert er so viel Haare und ist am Kopf schon ganz kahl!" Ah, ok, noch eine Info, es macht aber ohnehin Sinn, sich den guten Woodstock mal im Rahmen eines Praxistermins anzusehen. Und obwohl ich die folgende Frage natürlich auch immer während des Anamnesegesprächs in meiner Praxis stelle, frage ich schon fast automatisch: "Was bekommt er denn zu fressen?"

"Woodstock bekommt bei mir nur Hüttenkäse und aufgeschäumte Milch"

"Ich meinte, welches Futter er bekommt"

"Sonst nichts, ich füttere nur Hüttenkäse und aufgeschäumte Milch"

...

Lasst es mich hier noch einmal verdeutlichen: Woodstock ist ein Hund, und wie sich beim Praxistermin erwiesen hat, sogar ein recht grosser. Und NEIN, ich habe mir das mit dem Hüttenkäse und der aufgeschäumten Milch nicht ausgedacht - so etwas kann man sich nämlich gar nicht ausdenken, so etwas muss man erleben!

...

Zurück zum Thema. Obwohl innerlich alles aufgeschrien hat, habe ich es vermieden, die Besitzerin von Woodstock am Telefon darüber zu informieren, dass die ausschliessliche Ernährung eines Hundes durch Milch - wenn auch in verschiedenen Formen und Aggregatzuständen- nicht unbedingt die ausgewogendste Art der Fütterung darstellt.... dazu ist beim Praxistermin mehr Zeit und eine bessere Gelegenheit.

Als ich Woodstock schliesslich kennenlerne und untersuche, stellt sich heraus, dass sich an seinem Kopf ein Hautpilz wortwörtlich breitgemacht hat und fröhlich vor sich hin wächst.


Korrekterweise sei erwähnt, dass ein Hautpilz natürlich labordiagnostisch nachgewiesen werden sollte, was hier auch geschehen ist, jedoch war es von Anfang an klar, dass hier ein Pilz vorliegt.


Nun hat man als Tierheilpraktiker 2 Möglichkeiten, zu behandeln:


1. Man behandelt den Pilz

Das ist eine im Grunde sehr unspektakuläre Sache, die mit einfachsten Mitteln tatsächlich sehr einfach zu bewerkstelligen ist. Der Pilz selbst ist dann weg ... und kommt garantiert zurück (der Grund hierfür wird im nächsten Punkt klar)


2. Man überlegt, warum ein Hautpilz Probleme bereitet und bezieht alle Faktoren mit ein.

Nun, wir alle -auch Tiere- tragen Keime, Pilzsporen, Bakterien usw auf unserer Haut mit uns herum, ohne im Idealfall auch nur irgendwann einmal etwas von unseren kleinen Mitreisenden wahrzunehmen. Warum ist das so? Richtig. Es gibt da eine Erfindung namens IMMUNSYSTEM, die Krankeitserreger davon abhält bzw davon abhalten soll, uns zu schaden. Wenn nun ein Pilz die Möglichkeit findet, sich auf der Haut auszubreiten, kann man davon ausgehen, dass sich das Immunsystem wohl nicht in seiner besten Verfassung befindet. Noch etwas weiter gedacht, muss miteinbezogen werden, dass das Immunsystem einen direkten Bezug zum Darm besitzt, denn hier "sitzt" ein Grossteil der Immunzellen. Ist also der Darm, beziehungsweise die Darmflora, geschwächt, leidet auch das Immunsystem.

Moment!

Was bekam Woodstock nochmal zu fressen?

Hüttenkäse und aufgeschäumte Milch?

Alles klar!


Ich denke, an dieser Stelle muss ich nichts weiter zu Woodstock erklären, denn es ist inzwischen offensichtlich, dass die komplett falsche Fütterung zu einer Dysbakterie der Darmflora geführt hat, was sich wiederum auf das Immunsystem ausgewirkt hat (die Dysbakterie wurde auch durch eine Kotuntersuchung nachgewiesen). In der Folge war dem Hautpilz Tür und Tor geöffnet und er fand am Kopf die idealen Bedingungen, sich auszubreiten. Es folgte ein massiver Juckreiz in Verbindung mit dem Auskratzen bzw Abscheuern des Fells.


Die Therapie war nun eben etwas "aufwändiger":

- Umstellung des Futters (das Aufwändigste hier war die Überzeugungsarbeit, die bei der Besitzerin geleistet werden musste)

- eine Darmsanierung bzw ein Darmaufbau

- die äusserliche Behandlung des Hautpilzes


Im Verlauf der Therapie ist folgendes passiert:

- der Pilz ist verschwunden und bisher nicht mehr zurückgekommen

- der Juckreiz war ebenfalls kein Thema mehr, das Fell ist nachgewachsen und sieht besser aus als jemals zuvor, zumindest sind dies die Aussagen der Besitzerin

- die Verdauung hat sich massiv gebessert, Woodstock "muss" deutlich seltener und der Kot ist entsprechend dem, wie man es sich bei einem grossen Hund vorstellt

- Woodstock ist aufgeweckter, agiler und macht einen rundum gesunden Eindruck, war auch in den letzten 2 Jahren kein einziges mal krank oder hatte irgendwelche gesundheitlichen Probleme.


Ich denke, Woodstock ist ein gutes Beispiel für den Ansatz, den man als Tierheilpraktiker verfolgen sollte:

die Ganzheitlichkeit.

Natürlich bedeutet dieser Ansatz auch einen grösseren therapeutischen Aufwand, höhere Kosten und eine längere Therapiedauer, jedoch steht am Ende in der Regel ein nachhaltigerer Therapieerfolg - und wer möchte das nicht für sein Tier?


So, und jetzt kommt's.

Alles, was ich in diesem Blogeintrag geschrieben habe, ist KEINE Erfindung der alternativen Medizin, nein, auch Tierärzte kennen diese Zusammenhänge (die studieren das ja auch). Aus vielen Gesprächen, die ich mit Tierärzten führe (ja, wir sprechen miteinander), lässt sich folgern, dass auch Tierärzte gerne so behandeln, jedoch gibt es da, zwar nicht immer, aber oft, ein Problem: den Tierbesitzer.

Beim Tierarzt soll es scheinbar schnell gehen, das heißt, das Tier hat ein Problem, und der TA soll es wegmachen. Schnell. Und: möglichst billig.

Welcher Tierarzt hat schon die Zeit, sich (wie ich es tue) für die Anamnese eine ganze Stunde Zeit zu nehmen und was wäre dann im Wartezimmer los?

Das Ergebnis sind dann leider oft nur symptomatische Behandlungen mit wiederkehrenden Problemen.

(Ich glaube, ich habe hier ein Thema für einen weiteren Blogeintrag gefunden...)


Wir Tierheilpraktiker haben also den Vorteil, uns mehr Zeit zu nehmen und dadurch weitaus mehr Aspekte in die Therapie einfliessen lassen zu können.

So kann ein Problem am Kopf durchaus eigentlich ein Problem im Bauch bzw. im Darm sein, ein Problem mit Kotwasser kann durchaus im Zahnzustand des Pferdes begründet sein oder eine chronische Ohrenentzündung kann durch ein Nierenproblem ausgelöst werden (nach der Sichtweise der traditionell chinesischen Medizin).

Alles, was wir brauchen, um ganzheitlich behandeln zu können, sind Tierbesitzer, die bereit sind, diesen Weg im Interesse des Tieres mit uns zu gehen...


... und ich bin ehrlichgesagt sehr dankbar, bereits viele solcher Tierbesitzer zu meinen Kunden zählen zu dürfen 😉



Tschüss, Servus und "Pfiat Eich"

Bis in 2 Wochen



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